Wie im Trainingslager

Wenn die Corona-Krise hinter uns liegt, und die lang ersehnte Normalität wieder zum Alltag gehört - was wird bleiben? Werden wir alles nachholen wollen, was im vergangenen Jahr zu kurz kam? Wird es eine „Explosion der Lebensfreude geben“, wie es der italienische Ministerpräsident Conte vorhergesagt hat? Werden wir genauso leben wie vorher oder werden wir behutsamer, vorsichtiger sein, mehr Aufmerksamkeit füreinander aufbringen,
weniger egoistisch sein, vielleicht sogar verständnisvoller, barmherziger miteinander umgehen?

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist – so heißt es in der Jahreslosung für dieses Jahr 2021. Barmherzigkeit. Das klingt gut und verlockend. Aber was ist das überhaupt? Ein Gefühl? Eine Tugend? Eine Lebenshaltung? Kann man das lernen oder ist das angeboren?

Zuerst einmal ist es ein Wort aus der Bergpredigt, wie sie im Lukasevangelium steht. Eine solche gibt es auch im Matthäusevangelium - mit einigen Unterschieden. Eine möchte ich erwähnen: Bei Matthäus heißt es nicht seid barmherzig, sondern: seid vollkommen wie euer Vater im Himmel. (5,48) Vielleicht war das Lukas zu viel. Wie Gott vollkommen sein – wie soll das gehen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Barmherzig sein dagegen klingt machbarer, realistischer.
Trotzdem: wie Gott barmherzig sein? Bei allen Möglichkeiten und Gaben, die wir haben:
Gott und Mensch zu vergleichen und zu meinen, wir könnten es ihm gleichmachen, ist undenkbar. Gottes Barmherzigkeit steht auf jeden Fall höher und reicht unendlich weiter als menschliche Barmherzigkeit. Wäre es nicht anmaßend zu glauben, wir könnten wie Gott barmherzig sein?

Besser wäre wohl zu übersetzen: Seid barmherzig, weil auch euer Vater barmherzig ist.
Dann kämen wir weg vom Vergleichen und hin zum Begründen. Gottes Barmherzigkeit wäre dann der Grund und die Kraft dessen, was wir tun. Er befähigt uns dazu. Wir tun dann etwas, nicht weil wir dazu aufgefordert wären, sondern weil es uns gegeben wird.

Zuerst also Gottes Barmherzigkeit. Im 103. Psalm wird sie beispielhaft gepriesen und besungen: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden
und vergilt uns nicht nach unserer Missetat.

Gott bewegt sich immer wieder auf die Menschen zu, um eine verletzte oder abgebrochene Beziehung wieder herzustellen. Abgerissene Beziehungsfäden zwischen ihm und dem Menschen werden neu geknüpft. Er will nicht allein und unter sich bleiben, sondern hat Interesse an einer guten Beziehung und einem lebendigen Austausch.

Barmherzig und gnädig ist der Herr. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit ist aufschlussreich. Rachum - eng verwandt mit dem Wort für Mutterleib. Barmherzigkeit hat also etwas Mütterliches an sich und sie geschieht um guter und enger Bindungen willen,
die auch dann nicht abreißen sollen, wenn sie einmal eng strapaziert wurden.
Barmherzig hat auch etwas mit warm-herzig und groß-herzig zu tun, im Gegensatz zu Hart-herzigkeit.
Gott knüpft immer wieder an, wo nur noch Abgerissenes und Zerstörtes übrig zu bleiben scheinen.

Das ist nicht nur im Alten, sondern auch im Neuen Testament ein Thema. Barmherzigkeit wird auch in der Person und im Handeln Jesu deutlich. Er kommt als Heiland – ist heilend in einer Welt beschädigten Lebens unterwegs. Der barmherzige Christus bringt neues Leben ins alte von Menschen. Ganz dramatisch dort, wo er eine Frau vor dem Tod rettet – die Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll. Erbarmen hat Vorrang vor der Strafe, Gnade vor Recht, das Leben vor dem Tod.
Barmherzigkeit auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn, das eigentlich das Gleichnis vom barmherzigen Vater heißen müsste. Er geht dem Sohn entgegen und nimmt den Verlorengeglaubten in die Arme. Und erst am Schluss heißt es: Geh hin und handle genauso.
Seid barmherzig, weil auch euer Vater barmherzig ist.
Dann der barmherzige Samariter, der ohne Rücksicht auf eigene Vor-und Nachteile dem Überfallenen hilft. Barmherzig sein, weil Gott barmherzig ist.

Welche Erfahrungen haben wir damit gemacht? Kennen wir das? Von den Eltern? Geschwistern? Freunden und Bekannten? Was fällt uns dazu ein? Das ist ein spannendes Thema. Da käme einiges zusammen - ob und wie wir das kennen – und wann wir es selber geschafft haben, barmherzig zu sein.

Zum Schluss noch etwas, das es in Marburg zu sehen gibt: den Schrein der Elisabeth aus Thüringen. Ein Prachtstück aus dem 13.Jahrhundert. Mit Tafeln, die Barmherzigkeit zum Gegenstand haben. Sie sind alle der Elisabeth zugeschrieben, stammen aber aus dem Gleichnis vom Endgericht (Matth. 25): Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben,
Fremde beherbergen, Kranke besuchen, Gefangene nicht allein lassen. Barmherzigkeit – ganz konkret. Das Mittelalter kennt sieben Werke der Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit heute und in diesem Jahr wird andere Formen annehmen und in anderen Situationen stattfinden. Aber die Grundstruktur bleibt gleich: Wir leben von der Barmherzigkeit Gottes und das gibt uns Kraft im eigenen Umfeld barmherzig zu sein.

Wie wäre es also, mit einem Jahr der Barmherzigkeit? Ein Jahr, in dem wir feiern, dass Gott barmherzig ist. Sonntags im Gottesdienst. Daraus könnten wir Mut und Kraft schöpfen, selbst barmherzig zu sein – mit uns selbst und den eigenen Vorsätzen, mit den lieben Verwandten, Nachbarn und Kollegen, mit Völkern und Ländern, die in Not geraten sind.

Ein Jahr wie im Trainingslager. Wir üben barmherzig zu sein. Nur sonntags, da wird nicht geübt, da wird gefeiert. Ein Hoch auf Gott, der sein Herz bei den Armen und Bedürftigen hat und auch bei uns.

Pfr. Michael Williamson


Nach Gedanken von Rainer Strunk.