Unvergessen

Gedanken zum Volkstrauertag

Hinter uns liegt ein besonderes Jahr,
mit vielen Gedenktagen und Erinnerungen.

Im Mai vor 70 Jahren das Grundgesetz

Im Juni vor 75 Jahren
begann die Operation D-Day
an der Atlantikküste.

Im August vor 75 Jahren
begann der Warschauer Aufstand.
Er wurde blutig niedergeschlagen.

Im September vor 80 Jahren
der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen.

Im November vor 80 Jahren ließ Georg Elser
eine Bombe im Münchner Hofbräuhaus zünden

und vor 30 Jahren
wurde die innerdeutsche Grenze geöffnet.

Eine lange Reihe an Gedenktagen und Erinnerungen.

Wer sagt: Lass uns doch in Ruhe mit der Vergangenheit,
das ist doch längst vorbei,
lass Gras drüber wachsen,

der vergisst, dass die Vergangenheit
eine große Lehrmeisterin ist.
Aus ihr können wir lernen.  

Wer vergangene Fehler, den Größenwahn
und die Überheblichkeit kennt,
kann heutige Gefahren und Unrecht schneller erkennen.

Wer die Gewalt, die Menschenverachtung, die Unterdrückung, 
das Unrecht und die Schrecken von damals kennt,
weiß unsere heutigen Verhältnisse 
- Freiheit, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit, unser Grundgesetz -
zu schätzen.

Wer von früherer Not und Armut weiß,
schätzt die Stabilität, den Frieden und Wohlstand der Gegenwart.

Wer die Zerstörungen von damals kennt,
weiß, wie wichtig es ist,
sich für Frieden und Verständigung einzusetzen.

Wer sagt: Lass mich in Ruhe mit der Vergangenheit,
vergisst, dass sie eine große Lehrmeisterin ist.

Und: Es leben ja noch viele,
die den Krieg und seine Folgen
am eigenen Leib zu spüren bekamen:

-          die Nachbarin, die ohne Vater aufwachsen musste,
weil er aus dem Krieg nicht zurückkam.

-          die Oma, die als Witwe eine alleinerziehende Mutter war.

-          der Großvater, der erzählen kann,
wie es in der Nachkriegszeit war -
die Städte in Trümmern, das Brot rationiert,
abends hungrig ins Bett zu gehen
und nicht zu wissen, wie es am nächsten Tag weitergeht.

-          Oder die Eltern, die davon erzählen können,
wie schwer es nach dem Krieg war,
eine Wohnung zu bekommen.

Kriege hinterlassen tiefe und langanhaltende Spuren
in Dörfern und Städten,
in Landschaften
und im Leben vieler Menschen, Familien und Kulturen.

Das ist der Grund, warum Deutschland
bis jetzt zögerlich war,
militärischen Einsätzen im Ausland zuzustimmen.
Wer Krieg kennt, tut alles, um ihn zu vermeiden,
lässt nicht gleich die Waffen sprechen,
versucht durch Diplomatie und Argumente,
Schlimmes zu verhindern oder zu beseitigen.

Manche legen das als Schwäche aus.
Deutschland müsse endlich mehr Verantwortung übernehmen,
auch militärisch.
Aber: Ist es ein Fehler oder ein Makel
beim Einsatz militärischer Mittel
zurückhaltend/vorsichtig zu sein?
Überall, wo unsere PolitikerInnen und Diplomaten
als Vermittler gefragt sind –
zwischen Russen und Ukrainer, im Nahen Osten,
können wir stolz sein.
Um der Zukunft willen, dürfen wir die Vergangenheit nicht vergessen.

Unsere Welt braucht Menschen,
die ein Interesse am Frieden haben,
an Versöhnung zwischen zerstrittenen Parteien und Völkern.

Die Welt braucht Menschen,
denen Ausgleich, Verständigung und Zusammenhalt wichtig sind,
die sich für ein Miteinander der Menschen und Völker einsetzen,
für gute Lebensbedingungen für alle.

Diktatoren, Hetzer und Spalter gibt es genug.
Und wir erschrecken manchmal darüber
auf welches Niveau manche inzwischen gesunken sind.

Ein Motto von Barack und Michelle Obama lautet:
When they go low, we go high.
Wenn sie nach unten gehen,
gehen wir nach oben.

Aufrecht und standhaft,
mit beiden Beinen auf dem Boden
Gefahren erkennen und Herausforderungen annehmen,
leidenschaftlich bleiben
für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung
- dazu soll der heutige Tag
und diese Gedenkstunde beitragen.

Pfr. Michael Williamson